[Rezension] Bevor ich verschwinde - Levi Wiedemann




Autor: Levi Wiedemann
Titel: Bevor ich verschwinde
Originaltitel: Bevor ich verschwinde
Seitenanzahl: 250
Erscheinungsdatum: 17. Juni 2016
Reihe: Einzelband
Verlag: Midnight
Buch oder Netflix? Buch!





Hunter Forbes hat alles, was ein Jugendlicher sich wünschen kann: Freunde, die mit ihm durch dick und dünn gehen, gute Noten und eine hübsche Freundin. In seinem Leben gibt es eigentlich nichts, was er anders machen würde. Bis zu diesem einen Tag. Nach einem Streit mit seiner Freundin verschwindet der beliebte Junge plötzlich spurlos aus Doomstown, seiner Heimatstadt in Atlanta. Eltern, Freunde und Schulkameraden sind ratlos. Ist Hunter einfach abgehauen? Als Hunter in einem düsteren Kellerverlies zu sich kommt, weiß er nicht, was mit ihm passiert ist. Nur die Visionen, die er empfängt, geben ihm Hoffnung. Doch sieht er tatsächlich seine Freunde, die nach ihm suchen, oder spielt ihm sein Unterbewusstsein nur einen Streich?

Ich hatte von diesem Buch noch nicht mal die erste Seite beendet, als ich zu meinem Mann sagte: "Ok, dieses Buch werde ich inhalieren!". Und so kam es dann auch. Manchmal, da merkt man schon nach den ersten wenigen Sätzen, dass das Buch einen packen und nicht mehr loslassen wird. Da merkt man: das ist ein Buch wie für mich geschrieben. Wirbelsturmartig hat mich die Geschichte mitgerissen und der moderne, manchmal sogar fast schon poetische Schreibstil von Levi Wiedemann hat mich augenblicklich und durchgängig so hochgradig begeistert, dass ich das Buch dann tatsächlich innerhalb eines Abends verschlang.

Protagonist ist der 18-jährige Hunter, der anfangs als ziemlich eingebildeter und unsympathischer Kerl daher kommt. Doch bereits nach den ersten paar Seiten merkt man, dass da mehr ist. Hunter ist nicht angepasst, er macht was er will, was nicht unbedingt bei allen seinen Mitmenschen auf großen Beifall stößt, aber er macht sein Ding und bleibt sich dabei selbst treu. Was sich gar nicht als so einfach herausstellt, denn zu Hause läuft auch nicht alles rund. Seinem Vater rutscht schon mal die Hand aus, während seine Mutter entscheidet, dass es einfacher ist, wegzusehen, wenn das passiert. Wie der Autor die Beziehung zwischen Hunter und seinen Eltern beschreibt, ist großartig. Letztendlich ist Hunter nämlich, trotz seiner großen Klappe, eigentlich immer noch ein Stück weit ein kleiner Junge, der einfach nur geliebt werden möchte. Er macht Probleme, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um eine Reaktion im Besonderen von seinem Vater zu bekommen. Ich konnte gar nicht anders, als mit Hunter mitzufühlen. Levi Wiedemann hat ein sehr großes Talent dafür, Charakteren Leben einzuhauchen und diese nicht eindimensional bleiben zu lassen. Nicht nur Hunter, auch die Nebencharaktere sind wunderbar ausgearbeitet und beschrieben. Dazu gehören unter anderem Caleb, Hunters bester Freund, und Cara, seine Freundin oder eher Exfreundin, denn am Tag seinen Verschwindens macht sie mit ihm Schluss. Beide werden toll beschrieben und sind als Charaktere einfach nur hervorragend gezeichnet. Sogar Buddy die Maus hat ihren eigenen Charme!

Besonders gut haben mir die Selbst- und Gedankengespräche gefallen, die Hunter mit sich in seinem Kellerverlies geführt hat. Der Autor hat es wunderbar hinbekommen, extrem spannend zu schreiben, obwohl eigentlich nichts passiert und Hunter nur in seinem Verlies sitzt. Die Überlegungen, die er anstellt und worüber er dort nachdenkt ist aber so mitreißend und überzeugend, dass ich da auch gerne noch 100 Seiten mehr von gelesen hätte. Besonders hat mir hier wieder gefallen, wie überzeugend seine Gefühle dargestellt wurden. Er durchlebt da alles, von Wut, über Verzweiflung, zu Hoffnung und Trauer. Alle Gefühle werden dabei sehr nachvollziehbar beschrieben und transportiert. Überzeugend wurden hier auch die Visionen eingebaut, die Hunter besonders am Anfang hochgradig verwirren. Denn er träumt von seinen Freunden und seiner Familie, wobei das was er träumt gerade in der Gegenwart passieren zu scheint. Ob das nun wirklich so passiert, oder nicht, kann jeder für sich selbst herausfinden, das wird nicht verraten. Nur so viel: ich wusste zwischendurch auch nicht mehr, was wirklich passiert und was nicht.

Die Handlung ist durchweg überzeugend, genauso wie die Motivationen der Protagonisten. Situationen, die mir in anderen Romanen die Fußnägel hochrollen sind hier so gut und überzeugend beschrieben, dass ich einfach nicht anders konnte, als dieses Buch in einem Rutsch zu lesen. Sehr sehr viel hat dazu auch der oben schon erwähnte wundervolle Schreibstil des Autors beigetragen. Modern, poetisch, philosophisch, großartig! Mit nur einem Satz schafft er es, die Stimmung um 180 Grad zu drehen und Gefühle auf den Punkt zu beschreiben. Es war wirklich eine Freude, dieses Buch zu lesen.

Zwei kleine Kritikpunkte habe ich aber auch, denn ab ca. der Hälfte des Buches wird die Geschichte nicht nur aus Hunters Sicht, sondern auch aus der von anderen Personen erzählt. Prinzipiell finde ich das großartig, denn so können natürlich noch viele andere Aspekte und Blickwinkel beleuchtet werden und mir hat diese Abwechslung auch sehr gut gefallen, dennoch hätte ich mir gewünscht, hier noch mehr von Hunter selbst zu lesen, einfach weil mir seine Gedankengänge so gut gefallen haben.
Und mein anderer Kritikpunkt (wofür der Autor jetzt in erster Linie nichts kann) ist das für mich etwas abrupte Ende, was sicherlich auch daran lag, dass das Buch plötzlich auf Seite 200 zu Ende war und die restlichen 50 Seiten die Leseprobe eines anderen Buches waren. Das kam dann doch schon unerwartet! Ich bereite mich einfach gerne "seelisch" schon mal auf ein baldiges Ende eines Buches vor, besonders bei so einem guten Buch wie diesem. Im Nachhinein ist das Ende auf jeden Fall gut so wie es ist, aber beim Lesen hat es mich schon etwas vor den Kopf gestoßen, weil ich einfach wegen der Anzahl der Seiten noch mehr erwartet habe.


Wer einen guten Thriller mit extrem gut ausgearbeiteten Charakteren und einem großartigen Schreibstil sucht, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen. Glasklare 5 Chaoskleckse.






Vielen Dank an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar!


Das Copyright des Covers und des Klappentextes liegt beim Verlag.

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