[Rezension] Wir beide wussten, es war was passiert - Steven Herrick




Autor: Steven Herrick
Titel: Wir beide wussten, es war was passiert
Originaltitel: The Simple Gift
Seitenanzahl: 208
Erscheinungsdatum: 15. Juli 2016
Reihe: Einzelband
Verlag: Thienemann
Buch oder Netflix? Buch!





... und wie ich mich abmühte, 
selbstsicher zu erscheinen. 
Und er antwortete: Ja, toll. 
Und ich sagte auch: Toll. 
Und danach machte ich mich 
wieder ans Wischen
und versuchte zu wirken, 
als wenn nichts passiert wär, 
obwohl wir beide wussten, 
es war was passiert. 

Wow! Eine ganz anderen Art von Buch, einfach nur wunderschön, poetisch und großartig. 

Billy der 16-jährige Protagonist, haut von zu Hause ab und flieht somit auch vor seinem alkoholkranken Vater, mit dem er ein sehr schlechtes und von Gewalt geprägtes Verhältnis hat. Er will ein neues Leben anfangen und landet in Bendarat, wo er sich häuslich in einem Waggon niederlässt. In Bendarat lernt er Old Bill kennen, der neben ihm im Waggon schläft und Caitlin, die bei McDonald's arbeitet. Und mehr möchte ich hier zum Inhalt auch nicht sagen, da alles mehr zu viel verraten würde.

Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Perspektive von Billy erzählt, aber auch Old Bill und Caitlin kommen zu Wort. Alle 3 sind wunderbare Charaktere, die absolut echt sind und einfach nur sehr überzeugend beschrieben wurden. Während des gesamten Buches sind sämtliche Handlungen , Gedanken und Gespräche glaubwürdig und ungeschönt. Dinge werden beschrieben wie sie sind und nichts wird in Watte gepackt. Gerade das hat mir so gut gefallen. Billy und Caitlin erleben kein Märchen, sondern erleben eine realistische Annäherung.
Billy ist ein Charakter, den man sofort lieb gewinnt. Anstatt sich aufzugeben, wagt er einen Neuanfang und bleibt durchgängig sympathisch. Vor allem sein Verhältnis zu Old Bill ist gut beschrieben. Man merkt sofort, dass Beide wichtig füreinander sind. Old Bill braucht Billy und Billy braucht Old Bill. Sie haben sich nicht gesucht, aber dennoch gefunden und diese besondere Verbindung zwischen ihnen, die ganz unaufgeregt erzählt wird, macht einen großen Teil dieses wunderbaren Buches aus.
Old Bill ist eher von der kauzigen Art. Anfangs zeigt er noch große Ablehnung gegen Billy und schimpft über ihn, doch mit der Zeit merkt man, wie sich ihr Verhältnis ändert. Old Bill macht dabei auch eine große Veränderung durch und nach und nach bekommt man auch mehr Informationen zu ihm und kommt dahinter, warum er ist, wie er ist.
Caitlin ist ein besonderes Mädchen. Trotz des Reichtums ihres Vaters (oder gerade deswegen), arbeitet sie bei McDonals's und wischt die Fußböden. Sie rebelliert gegen den Käfig, in den ihr Vater sie sperren will und vielleicht ist Billy ja derjenige, der ihr dabei helfen kann.

Das Herausragende bei diesem Buch ist aber, neben den großartig herausgearbeiteten Protagonisten, eindeutig der Schreibstil und die Form. Der Klappentext gibt da einen guten Eindruck, denn das gesamte Buch ist in Versform geschrieben. Und dieses ist so besonders und gut gemacht, dass jede Seite eine wahre Freude war. Mir ist aufgefallen, dass ich ganz anders gelesen habe. weniger einen Satz nach dem anderen weg, wie bei normalen Büchern, sondern viel mehr leicht rhythmisch, wobei Zeilenumbrüche teilweise sehr geschickt gesetzt wurden, denn so hat sich eine ganz andere Satzmelodie und auch Stimmung ergeben. Durch das Format bekommt die Geschichte automatisch etwas lyrisches und wird somit zu einer ganz besonderen Leseerfahrung.
Jedes "Kapitel" ist mit einer Überschrift versehen und könnte auch problemlos als Kurztext alleine stehen. Die Sprache ist dabei auch wunderschön, schnörkellos und dennoch lebendig, was natürlich zu großen Teilen auch dem Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn zu schulden ist, der großartige Arbeit geleistet hat.

Durch die Versform ist natürlich nicht allzu viel Text auf den Seiten zu finden, so dass ich das Buch nach knapp 1 1/2 Stunden beendet hatte, aber dennoch wird dieses Buch noch sehr lange in meiner Erinnerung bleiben.

Dann ging er ins Haus
und knallte die Tür
meiner sportlichen Kindheit zu,
die mitsamt dem Fußball
in die Büsche entschwand.
Seite 12 (laut E-Reader)
Ihre Augen waren blassgrün
und sie schienen etwas zu wissen,
von dem ich keine Ahnung hatte.
Es war, als würden sie denken.
Seite 18/19 (laut E-Reader)
Er stand auf, um ins Bett zu gehen
und sich die Trauer wegzuschlafen,
so sagte er jedenfalls.
Seite 23 (laut E-Reader)
Ein anderes, ganz besonderes Buch, dass unaufgeregt daherkommt und eine Geschichte erzählt, die realistsch und poetisch zugleich ist. Ganz klare 5 Chaoskleckse!






Vielen Dank an den Thienemann-Verlag für das Rezensionsexemplar!


Das Copyright des Covers und des Klappentextes liegt beim Verlag.

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