[Rezension] Alles, was ich sehe - Marci Lyn Curtis




Autorin: Marci Lyn Curtis
Titel: Alles, was ich sehe
Originaltitel / Übersetzerin: The One Thing / Nadine Püschel
Seitenanzahl: 432
Erscheinungsdatum: 18. März 2016
Reihe: Einzelband
Verlag: Königskinder
Buch oder Netflix? Buch!





Maggie hasst ihr neues Leben als Blinde. Sie will keine tapfere Kranke sein, und auf Unterricht von anderen Blinden kann sie gut verzichten. Nach einem missglückten Streich passiert es: Sie kann wieder sehen! Nur einen Ausschnitt der Welt, genauer: einen zehnjährigen Jungen namens Ben. Mit Hilfe des altklugen und hinreißenden Jungen scheint sie einen Teil ihres alten Lebens zurückzubekommen. Und Bens großer Bruder Mason ist Sänger in Maggies Lieblingsband. Und ziemlich attraktiv. Doch er lässt sie abblitzen, weil er denkt, dass Maggie ihre Blindheit vortäuscht – was ja irgendwie stimmt.
Dann kommt heraus, warum sie ausgerechnet Ben sehen kann.

Ich habe geweint, gelacht, gelitten, gebangt, geschmunzelt, gekichert, geschluchzt und vor allem habe ich mich unsterblich verliebt in dieses großartige, besondere Buch.

Gleich zu Beginn wird man ohne Vorwarnung mitten hineingeworfen in diese Geschichte, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Sofort habe ich bemerkt, dass ich hier ein ganz besonderes Buch vor mir hatte und das hat sich während des gesamten Buches so bestätigt.
Man lernt sogleich Maggie kennen, die 17-jährige Protagonistin dieses Buches, die wegen einer bakteriellen Hirnhautentzündung seit 6 Monaten blind ist und wegen Blödsinn, den sie in der Schule angestellt hat, Sozialstunden leisten muss. Sie stolpert, fällt, schlägt sich den Kopf an und kann in einem kleinen Bereich wieder sehen. Komplett geschockt aber natürlich auch sehr glücklich ist sie über diese Tatsache, findet jedoch schnell heraus, dass sie nur etwas sehen kann, wenn Ben in ihrer Nähe ist, ein altkluger, leicht frühreifer und extrem intelligenter 10-jähriger Junge. Und ebendieser Ben ist außerdem der Bruder von Mason, der in Maggies Lieblingsband "Loose Cannons" spielt und damit wird man dann sogartig in diese wunderbare Geschichte gezogen, die wohl niemanden so schnell wieder loslässt.

Maggie, die wenn sie nervös oder aufgeregt ist, auf ihrem Bein Klavier spielt, habe ich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Sie ist stark, absolut nicht auf den Mund gefallen und geht mit so viel Sarkasmus und Ironie durch die Welt, dass es eine wahre Freude ist. Doch man merkt auch unweigerlich, wie schwer diese plötzliche Blindheit für sie ist, was ich nachvollziehen kann. Es muss schrecklich sein, von einen auf den anderen Tag plötzlich nichts mehr sehen zu können. Von daher nutzt sie ihre schnodderige Art auch ein Stück weit als Schutzwall. Wie es wirklich in ihr aussieht, das erfährt eigentlich erstmal nur der Leser. Und eben dieses passiert so intensiv, dass sofort eine Bindung zu Maggie aufgebaut wird.
Auch ihr Zwiespalt ist sehr gut beschrieben, den sie fühlt, wenn sie über Ben nachdenkt. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den Beiden so ungleichen (und dennoch nicht so verschiedenen) Personen nämlich eine wunderschöne Freundschaft. Doch nagt an Maggie immer der Zweifel, ob sie Ben nur ausnutzt und das gleich aus zwei Gründen. 1. um wieder sehen zu können, wenn auch nur kleine Ausschnitte und 2. um mit Mason in Kontakt zu kommen.
Ihre Zweifel an sich selbst sind wunderbar beschrieben worden, ihr Dilemma ist nachvollziehbar.

Doch nicht nur Maggie ist ein hinreißender Charakter, auch so ziemlich alle anderen Charaktere in diesem Buch sind etwas Besonderes.
Allen voran natürlich Ben. Ben ist eindeutig eine Klasse für sich und einfach nur besonders. Das Schicksal hat es auch mit ihm nicht gut gemeint, denn er wurde mit einem offenen Rücken geboren und somit von den Knien abwärts gelähmt, sodass er sich nur mit Krücken vorwärts bewegen kann. Das ist natürlich ein Grund, warum Maggie, die er nur Thera nennt, und er sich so gut verstehen. Beide haben körperliche Einschränkungen und beide wissen, was es heißt, nicht "normal" zu sein, wobei gerade Ben da eher pragmatisch ist.
Die Szenen mit Ben waren meist zum Brüllen komisch. Sogar über Rundschwanzseekühe werden philosophische Gespräche geführt. Doch ist es auf der anderen Seite auch Ben, der Maggie dazu bringt, ein Stück weit aus ihrem selbst gebauten Gefängnis zu entkommen und mit ihrer Blindheit, die ja immer noch besteht, wenn er nicht da ist, zu leben.

Mason ist ebenfalls ein toller, wenn auch Anfangs sehr grantiger und launischer Charakter. Mit Maggie kann er erstmal so gar nichts anfangen, hält er sie doch für ein Groupie von ihm und seiner Band, das die Blindheit nur vortäuscht, um so an ihn heranzukommen. Es braucht da einige Überzeugungsarbeit und einiges an Herzschmerz, damit Mason und Maggie sich annähern.
Auch wenn diese wirklich wunderschön beschriebene Liebesgeschichte auf ganz tolle Art erzählt wurde, drängt sie sich nicht in den Vordergrund. Sie entsteht ganz natürlich und geschieht eher nebenbei, Das Buch könnte theoretisch auch ohne diese Liebesgeschichte auskommen und das finde ich großartig! Denn letztendlich geht es in diesem Buch um so viel mehr als die Beziehung zwischen Maggie und Mason.

Jeder in diesem Buch ist etwas Besonderes und kommt mit positiven und negativen Eigenschaften daher. Ich habe mit allen mitgelitten und habe mich am Ende des Buches gefühlt, als müsste ich lieb gewonnene Freunde zurücklassen. So müssen Bücher sein. So und nicht anders.


Er grinste breit und lachte dann kurz auf, ein Lachen wie ein Ausrufezeichen am Ende eines Satzes.
Seite 17 (laut E-Reader)
Opa hatte keine Aufwarmroutine für seine Gedanken. Er machte einfach den Mund auf und schlug zu. Ausholen und danebenhauen. Nichts mit politisch korrekt und so.
Seite 69 (laut E-Reader)
Ihr Nein hatte zwei Silben, die erste für das Nein und die zweite für den Rest der Geschichte.
Seite 137 (laut E-Reader)
Ich hatte mich so daran aufgerieben, dass es mein ganzes Leben blutig färbte.
Seite 239 (laut E-Reader)

Ein Buch, das man gelesen haben muss. Grandios geschrieben, zum Heulen schön und zum Brüllen komisch. Ein kleines Juwel.







Vielen Dank an den Königskinder-Verlag für das Rezensionsexemplar!


Das Copyright des Covers und des Klappentextes liegt beim Verlag.

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